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Aufsätze zur Geschichte der Philosophie

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Sten Auge aufdrängt Aber in den herkömmlichen Geschichtsbüchernüber Philosophie wird das was neuere Philosophen über Ökonomie und Politikzusagen gehabt haben regelmäßig in den Hintergrund gedrängt gegen ihre allgemeineHirnweberei in irgendwelchen Ismen die nicht die Ursache sondern vielmehr die Folge ihrerpraktischen Stellung zu den praktischen Fragen ihrer Zeit ist So wird John Locke dessenzweihundertster Todestag übermorgen1 wiederkehrt als Philosoph des Sensualismus einregistriertund eben in diesen Sensualismus der Schwerpunkt seiner historischen Stellung gelegtwomit an und für sich gar nichts gesagt ist Denn die Annahme daß unsere gesamten Vorstellungenursprünglich auf sinnlicher Wahrnehmung auf den Affektionen der Sinne beruhenbringt die historische Entwicklung nicht um einen Flohsprung vorwärts während John Locketatsächlich einen großen Einfluß namentlich auf das 18 Jahrhundert gehabt hatEr war der klassische Typ des englischen Bourgeois um die Wende des 17 zum 18 JahrhundertDas Lebenswerk das er vollbracht hat bestand in der Rechtfertigung und Verteidigungdes Kompromisses womit die englische Bourgeoisie die englische Revolution des 17 Jahrhundertsabschloß indem sie gemeinsam mit dem Adel ein Schattenkönigtum schuf aber allepolitische Macht in das Parlament verlegte Ökonomisch gehörte Locke zu den Vorläuferndes 10 physiokratischen Systems über das Marx schreibt „Es ist in der Tat das erste Systemdas die kapitalistische Produktion analysiert und die Bedingungen innerhalb deren Kapitalproduziert wird ‚ als ewige Naturgesetze der Produktion darstellt Andrerseits erscheintes vielmehr als eine bürgerliche Reproduktion des Feudalsystems der Herrschaft desGrundeigentums; und die industriellen Sphären innerhalb deren das Kapital sich zuerst selbständigentwickelt erscheinen vielmehr als ‚unproduktive‘ Arbeitszweige bloße Anhängselder Agrikultur Die erste Bedingung der Kapitalentwicklung ist die Trennung des Grundeigentumsvon der Arbeit das Gegenübertreten der Erde – dieser Urbedingung der Arbeit –als selbständige Macht in der Hand einer besondren Klasse befindliche Macht gegenüberdem freien Arbeiter In dieser Darstellung erscheint daher der Grundeigentümer als der eigentlicheKapitalist das heißt als der Aneigner der Surplusarbeit Der Feudalismus wird sosub specie unter dem Gesichtspunkt der bürgerlichen Produktion reproduziert und erklärtwie die Agrikultur als der Produktionszweig worin sich die kapitalistische Produktion dasheißt die Produktion des Mehrwerts ausschließlich darstellt Indem so der Feudalismus verbürgerlichtwird erhält die bürgerliche Gesellschaft einen feudalen Schein“ 2Das physiokratische System entfaltete seine eigentliche Blüte in Frankreich in einem vorherrschendackerbauenden Lande nicht in England einem vorherrschend industriellenkommerziellen seefahrenden Lande Bei dem Ökonomen Locke zeigt sich vielmehr ein polemischesInteresse gegen das Grundeigentum dessen Rente sich durchaus nicht von demWucher unterscheide Aber wie Locke zwei Menschenalter hindurch als Arzt Erzieher undSekretär im Hause des Lords Shaftesbury lebte so 11 war er der Interpret der „glorreichenRevolution“ von 1688 von der man wohl sagen kann daß sie den Feudalismus verbürger 1 Demnach wurde dieser Text am 26101904 geschrieben Diese glänzende Schilderung die Marx von dem physiokratischen System entwirft ist seiner Nachlaßschriftüber die „Theorien des Mehrwerts“ entnommen die Kautsky demnächst herausgeben wird2 Karl Marx Theorien über den Mehrwert Teil 1 Berlin 1956 S 15 flichte aber der bürgerlichen Gesellschaft einen feudalen Schein gab Gewiß hat Locke für diepolitische und religiöse Freiheit gekämpft jedoch wie matt und nüchtern erscheint dieserKampf neben den flammenden Schriften die Milton gegen das patriarchalische Königtumvon Gottes Gnaden gerichtet hatte In anderem Sinne als es ursprünglich gemeint war aberdeshalb nicht minder schlagend erfüllte sich Miltons Wort die Briten seien unversehrt durchdas Feuer gegangen um dann am ualm zu sterben In der Tat verualmte das republikanischeFeuer im Konstitutionalismus als dessen Vater oder richtiger als dessen literarischerTaufpate sich Locke den lautesten Ruhm erworben hatEr hat diesen Kons

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ZUR EINFÜHRUNGWesen und Zeitbedingtheit der PhilosophieErschienen in der „Neuen Zeit“ XXIII Jahrg 190405 1 Bd S 129 unter dem Titel„John Locke“Es gibt viele Geschichten der Philosophie gelehrte und ungelehrte gescheite und törichteinteressante und langweilige aber es fehlt noch immer die Geschichte der Philosophie Umsie zu schreiben ist in erster Reihe notwendig die Philosophie vom Kopfe auf dem sie in allihren bisherigen historischen Darstellungen steht auf die Füße zu stellen Mit anderen Wortenman darf nicht in den Hirnwebereien der philosophischen Systeme den Schwerpunkt derPhilosophie suchen sondern man muß von dem Standpunkt ausgehen den F A Lange einmal– freilich ohne daraus die notwendigen Konseuenzen zu ziehen – mit den Worten andeutet„Es gibt keine sich aus sich selbst sei es in Gegensätzen sei es in direkter Linie fortentwickelndePhilosophie sondern es gibt nur philosophierende Männer welche mitsamtihren Lehren Kinder ihrer Zeit sind“Oder mit noch anderen Worten die Philosophie ist eine ideologische Begleiterscheinung derKlassenkämpfe eine der ideologischen Formen; in denen die Menschen sich dieser Kämpfebewußt werden und sie ausfechten Es hat keine Philosophie gegeben solange es keine Klassengegensätzegab und sobald die Klassengegensätze beseitigt sein werden wird es keinePhilosophie im historischen Sinne dieses Wortes mehr geben Erst aus der Geschichte derKlassenkämpfe fällt das scheidende und sondernde Licht in die scheinbar unübersehbareWirrnis der philosophischen Systeme und man findet dann – was Schopenhauer einmal andeutetauch er ohne daraus die 8 notwendigen Konseuenzen zu ziehen –‚ daß die wenigenFundamentalsätze aller Philosophie in unzähligen Variationen immer wiederkehren und daßauch die bedeutendsten Werke der bedeutendsten Philosophen von ewigen Wiederholungenwimmeln Alles das ist für den modernen Menschen der mitten in Klassenkämpfen steht dielängst ihre ideologischen Schleier abgeworfen haben mehr oder weniger ungenießbar aberunter dem Gesichtspunkt betrachtet unter dem die philosophischen Systeme je für ihre ZeitGestalt und Leben gewonnen haben ließe sich die Geschichte der Philosophie als ein bedeutsamesund lehrreiches Stück der menschheitlichen Geschichte schreibenNur für die Anfänge der Philosophie die griechische Naturphilosophie versagt dieser Maß stab insofern als sie uns nur in sehr trümmerhaften Bruchstücken überliefert und wir gar zuwenigvon den Zeitumständen wissen unter denen sie entstanden ist Aus diesem nicht innerlichensondern rein äußerlichen Grunde vermögen wir die erste Form der griechischen Philosophienur in den allgemeinsten Umrissen als eine Widerspiegelung gleichzeitiger Klassenkämpfezu erkennen Aber gleich in der zweiten Periode tritt der Idealismus des „göttlichenPlaton“ dessen Wirkungen sich bis in unsere Zeit erstrecken als die ideologische Begleiterscheinungder grausamsten und rohesten Klassenherrschaft auf die es in der damaligen griechischenWelt gegeben hat Nichts törichter als das Geflenne das sich von einem philosophischenLehrbuch ins andere über den „Märtyrertod“ des Sokrates schleppt über den „Justizmord“den die törichte Menge an dem großen Weisen begangen haben soll Sokrates ist gerichtetworden als der Wortführer einer Klasse die durch eine Unsumme von bluttriefenderGrausamkeit Tücke und Verrat wobei gerade Lieblingsschüler des Sokrates wie Alcibiadesund Kritias in erster Reihe standen die Stadt Athen in ihrer Kraft gebrochen und in einentiefen Abgrund des Elends gestürzt hatte Statt die Würde eines „Märtyrers“ zu zeigen hatSokrates seine Richter viel 9mehr – wenn anders seinem Schüler Platon zu glauben ist noch durch frivole Herausforderungen gereizt und Justizmord hin Justizmord her – wenn es in derGeschichte der Klassenkämpfe keinen schlimmeren Justizmord gäbe als die Hinrichtung desSokrates so sähe sie in diesem Punkte beinahe noch wie ein harmloses Idyll ausIn der Geschichte der neueren Philosophie können gar so tolle Verschiebungen des historischenSachverhalts nicht mehr vorkommen Der Zusammenhang zwischen den ökonomischpolitischenKlassenkämpfen einer Zeit und ihrer jeweiligen Philosophie tritt hier so klar hervordaß er sich auch dem blöde

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Titutionalismus einfach dem Kompromiß abgeschrieben das die englischeRevolution geschlossen hatte Seine berühmte „Trennung der Gewalten“ wonach die regierendedie gesetzgebende und die richterliche Gewalt voneinander geschieden werden undsich gegenseitig im Gleichgewicht halten sollten hieß weiter nichts als daß dem König jedeGewalt über Gesetzgebung und Rechtsprechung genommen und regierende gesetzgebendeund richterliche Gewalt der herrschenden Aristokratie und Bourgeoisie übertragen werdensollten Es gibt wenig gleich einleuchtende Beweise für die verblendende Macht der Phraseals daß ein paar Jahrhunderte lang die englische Verfassung als Muster für die „Trennung derGewalten“ gegolten hat während jedes Kind weiß oder doch wissen sollte daß in Englandregierende und gesetzgebende Gewalt eben nicht getrennt ist daß der Vertrauensmann derParlamentsmehrheit unweigerlich leitender Minister wird Lockes konstitutionelles Rezeptangewandt auf Monarchien deren reale Macht noch nicht gebrochen war hat denn auch regelmäßigdie schmerzlichsten oder auch die lächerlichsten Enttäuschungen hervorgerufenwovon namentlich die deutschen Revolutionsjahre zu erzählen wissen12 Dem Konstitutionalismus Lockes entsprach die Halbheit seiner bürgerlichen ToleranzSicherlich war sie etwas anderes als die sogenannte Toleranz des aufgeklärten Despotismuswie sie etwa von dem alten Fritz geübt wurde aber sie erstreckte sich doch nicht auf – AtheistenHier war der sterbliche Punkt der bürgerlichen Aufklärung wie sie Locke und sein grö ßerer Schüler Voltaire vertreten mit einzelnen glänzenden Ausnahmen wie Pierre BayleGegen ihn sagte Voltaire; man möge ihm nur vier oder fünfhundert Bauern zu regieren gebenund Bayle würde alsbald die Lehre von der göttlichen Vergeltung predigen lassen Es istderselbe Pferdefuß der dann auch in Kants Philosophie wieder erschien die erst die radikaleUnmöglichkeit Gottes demonstriert und dann das Dasein Gottes als die notwendige Voraussetzungalles sittlichen Handelns bewies Das „vernunftmäßige Christentum“ Lockes warnichts anderes als das dem Herrschaftsbedürfnis der „glorreichen Revolution“ angepaßteChristentumAlle harten Ecken und Kanten der rauhen Wirklichkeit glättete Locke nun durch seinen SensualismusDer Satz selbst daß im Geiste nichts sein könne was nicht vorher in den Sinnengewesen sei war durchaus nicht neu war schon im Aristoteles zu finden Was Locke darausmachte war einfach dies daß der Mensch nur durch die Erfahrung klug werde daß er sichalso hüten solle mit dem Kopfe durch die Wand zu rennen daß alle Begeisterung undSchwärmerei von Übel sei daß nichts über den gesunden Menschenverstand des guten BürgersgeheSo stellt sich Lockes Weltanschauung als höchst prosaisch als ganz starr und steril dar Allerdingshat man auch „sozialistische“ Anklänge in seinen Schriften nachweisen wollen weiler gewisse Schranken des Privateigentums anerkannte weil er die Naturdinge für gemeinschaftlichesEigentum erklärte und das individuelle Eigentum nur insoweit verteidigte als esder einzelne Mensch durch seine Arbeit verwerten könne weil er das Eigentum an einemgrößeren Umfang der Produktionsmittel als dem 13 eben angedeuteten im Widerspruch mitder naturrechtlichen Basis des Eigentums oder des Rechtes am Privateigentum fand Allein das waren keine ökonomischen Forderungen der sozialistischen an die kapitalistische es warenRechtsansprüche der bürgerlichen an die feudale Gesellschaft; es waren die Illusionen desNaturrechtes das mit den Anfängen der kapitalistischen Produktionsweise Hand in Handging und in dem Maße zerstob worin sich ihre holden Geheimnisse entschleierten Vonnichts war Lockes harter und trockener Geist weiter entfernt als von kommunistischen undsozialistischen Schwärmereien wie sie zu seiner Zeit überhaupt erst möglich warenAber eben in dieser Beschränkung war er doch wieder ein Meister der bürgerlichen Aufklä rung der auf ungleich reichere und vielseitigere Geister wie Montesuieu Voltaire Diderotund überhaupt die französische Geistesbewegung des 18 Jahrhunderts den stärksten Einflußgehabt hat Das dürfen wir um so eher anerkennen je glücklicher wir sind ganz und gar ausseinem Gedankenkreise hinausgewachsen zu sein 15

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  • Aufsätze zur Geschichte der Philosophie
  • Franz Mehring
  • German
  • 09 May 2019
  • null

About the Author: Franz Mehring

Originally a liberal journalist Mehring joined the German Social Democratic Party SPD in the early 1890s Mehring was originally incredibly anti communist but eventually after studying the writings of Karl Marx Mehring changed his mind and was won over to the side of communism He rapidly became acknowledged as an important theoretician In the course of time he moved to the left and became a